Warum sich eine freie Rede nicht nach einer Predigt anhören sollte.
Aktualisiert: 9. Sept.

Es gibt Dinge, die verändern sich, sobald man ein Mikrofon in die Hand nimmt.
Manche Menschen sprechen plötzlich lauter. Andere langsamer. Manche werden feierlich. Und wieder andere beginnen, Sätze zu sagen, die sie im normalen Leben vermutlich niemals sagen würden.
Gerade bei Trauungen und Trauerfeiern scheint es eine ganz eigene Sprache zu geben. Eine Sprache voller „besonderer Lebenswege“, „tiefer Verbundenheit“, „wertvoller Erinnerungen“ und „Spuren, die ein Mensch in unseren Herzen hinterlässt“.
Natürlich kann man so sprechen. Es sind jedoch Begriffe, die wir schon so oft gehört haben, dass sie inzwischen völlig austauschbar geworden sind. Sie beschreiben etwas – aber nicht den Menschen, um den es eigentlich geht. Und genau das entspricht nicht meinem Verständnis von einer guten Rede.
Mir ist außerdem wichtig, dass ich am Rednerpult ich selbst bleibe – mit meinem eigenen Stil, meiner eigenen Sprache und meiner eigenen Wortwahl.
Eine Rede muss nach dem Menschen klingen, der sie hält
Wenn ich mit Angehörigen oder Hochzeitspaaren spreche, unterhalte ich mich ganz normal mit ihnen. Ich stelle Fragen, höre zu, lache mit ihnen, werde manchmal still und erfahre Dinge, die vielleicht nur in diesem Gespräch erzählt werden.
Warum sollte ich anschließend plötzlich eine andere Sprache benutzen? Nur weil ich ein Mikrofon in der Hand halte?
Für mich gehört zur Professionalität einer Rednerin nicht, besonders feierlich zu klingen. Professionalität bedeutet vielmehr, die richtigen Worte zu finden und sie so zu sprechen, dass sie glaubwürdig sind.
Es ist wesentlich angenehmer, einem Redner oder einer Rednerin zuzuhören, wenn er oder sie in der gewohnten, natürlichen Art spricht, als wenn ein bemüht feierlicher Tonfall verwendet wird. Eine solche Sprechweise kann schnell wenig authentisch wirken und das Zuhören unnötig anstrengend machen.
Entscheidend sind vielmehr eine klare, natürliche Sprache, ein lebendiger Sprechrhythmus und die richtige Betonung an den passenden Stellen. Wer sich beim Sprechen nicht verstellt, sondern seine Gedanken auf natürliche Weise vermittelt, wirkt glaubwürdig und erreicht sein Publikum meist besser.
Eine Rede darf besonders sein. Die Sprache muss deshalb nicht künstlich besonders klingen.
Würde braucht keine künstliche Sprache
Gerade bei Trauerreden wird häufig angenommen, eine würdevolle Rede müsse auch entsprechend „würdevoll“ klingen. Aber was bedeutet das eigentlich?
Muss eine Trauerrede wirklich mit „Wir sind heute hier zusammengekommen, um Abschied zu nehmen …“ beginnen?
Muss ein Mensch zwangsläufig „von uns gegangen“ sein?
Und muss man sagen, dass jemand „tiefe Spuren in den Herzen seiner Angehörigen hinterlassen hat“, wenn man eigentlich viel konkreter erzählen könnte, welche Spuren dieser Mensch tatsächlich hinterlassen hat?
Ich finde: Nein.
Wenn ein Verstorbener jeden Sonntag für seine Familie Pfannkuchen gemacht hat, dann möchte ich lieber von diesen Pfannkuchen erzählen.
Wenn eine Ehefrau erzählt, dass ihr Mann grundsätzlich behauptete, er könne hervorragend kochen, obwohl seine Familie das etwas anders sah, dann gehört genau diese Geschichte in die Rede.
Wenn jemand immer zu spät kam und trotzdem jedes Mal einen guten Grund dafür hatte, dann darf man das sagen.
Denn genau darin steckt Persönlichkeit.
Nicht in großen Worten, sondern in den kleinen Dingen, an denen wir einen Menschen erkennen.
Eine gute Rede sollte authentisch klingen.
Und niemals nach einer Vorlage und Standard-Formulierungen. Und sie sollte sich auch nicht nach „typischer Rednersprache“ anhören. Denn was ist das überhaupt?
Es ist diese Sprache, die entsteht, wenn Menschen versuchen, besonders emotional, besonders feierlich oder besonders professionell zu wirken. Dabei passiert häufig etwas Merkwürdiges: Je mehr man versucht, bedeutungsvoll zu klingen, desto weniger persönlich wird die Sprache.
Aus „Er hat immer für uns gekocht“ wird plötzlich:
„Er hat seine Familie mit seiner liebevollen Fürsorge stets auf besondere Weise umsorgt.“
Kann man machen. Es klingt feierlich und würdevoll. Aber es beschreibt diesen Menschen nicht.
Ich würde lieber sagen:
„Sonntags kochte er oft für die ganze Familie. Und wehe, jemand wagte es, ihm dabei zu helfen.“
Das klingt weniger feierlich – ist aber genauso würdevoll. Vielleicht sogar mehr. Denn es zeigt nicht irgendein Idealbild, sondern den Menschen selbst: seine Gewohnheiten, seine Eigenheiten, seinen Humor.
Und genau das ist für mich eine gute Trauerrede: nicht möglichst große Worte über einen Menschen zu finden, sondern die richtigen Worte für diesen Menschen.
Natürliche Sprache bedeutet nicht: beliebig
Nun könnte man natürlich sagen: Wenn eine Rede so klingen soll, wie man eben spricht, warum braucht man dann überhaupt noch eine Rednerin?
Weil natürliche Sprache nicht bedeutet, einfach draufloszureden. Eine gute Rede ist kein Gespräch, das man aufschreibt. Sie braucht Struktur. Sie braucht Dramaturgie. Sie braucht Rhythmus. Sie braucht die richtigen Übergänge. Und sie braucht vor allem eine Auswahl.
Denn in einem Gespräch erzählen Menschen unglaublich viel.
Meine Aufgabe ist es herauszufinden:
Was davon gehört in die Rede?
Welche Geschichte bringt einen Menschen zum Leuchten?
Welche kleine Anekdote erzählt mehr über eine Ehe als zehn große Liebeserklärungen?
Wo darf gelacht werden?
Wo braucht es einen Moment Ruhe?
Und wann ist weniger einfach mehr?
Das ist für mich das eigentliche Handwerk.
Ich darf poetisch sein. Aber ich muss nicht künstlich werden.
Natürlich liebe ich Sprache. Ich mag schöne Bilder. Ich mag Metaphern, dort, wo sie passen. Ich mag einen guten Satz, der einen Gedanken auf den Punkt bringt. Und natürlich darf eine Rede poetisch sein. Aber Poesie entsteht für mich nicht dadurch, dass man möglichst viele große Wörter verwendet. Manchmal ist ein einfacher Satz viel stärker.
„Er war kein Mann der großen Worte.“ Und dann erzählt man, was dieser Mann stattdessen getan hat. Oder:
„Sie konnte ziemlich stur sein.“
Und plötzlich erfährt man, dass genau diese Sturheit vielleicht eine ihrer liebenswertesten Eigenschaften war.
Das ist für mich echte Sprache: Sprache, die etwas meint.
Eine freie Rede sollte nicht nach einer Predigt klingen.
Ich sage das mit einem Augenzwinkern und mit großem Respekt vor Pastorinnen und Pastoren.
Ihre Sprache hat eine andere Aufgabe. Eine kirchliche Trauerfeier oder Trauung bewegt sich in einem religiösen und liturgischen Rahmen. Dort gibt es Worte, Bilder und Formen, die ihren eigenen Sinn und ihre eigene Tradition haben.
Wobei ich eines ausdrücklich sagen möchte: Viele Pastorinnen und Pastoren, die ich kenne, sprechen überhaupt nicht in dieser vermeintlich „feierlichen“ Sprache. Gerade die jüngere Generation moderner Geistlicher geht häufig sehr viel natürlicher, persönlicher und unmittelbarer mit Sprache um.
Ich bin freie Rednerin. Ich habe keinen liturgischen Auftrag. Ich spreche nicht über einen Menschen, weil ich eine religiöse Zeremonie gestalte, sondern weil ich seine oder ihre ganz persönliche Geschichte erzählen möchte.
Deshalb muss ich auch nicht wie eine Pastorin klingen.
Ich muss wie ich klingen.
Und gleichzeitig muss die Rede nach dem Menschen klingen, um den es geht.
Das ist für mich der entscheidende Punkt.
Die Menschen sollen sich wiedererkennen
Wenn eine Familie nach einer Trauerfeier zu mir kommt und sagt:
„Genau so war er“, dann ist das für mich eines der schönsten Komplimente überhaupt.
Und Persönlichkeit braucht keine künstliche Sprache.
Vielleicht darf eine gute Rede einfach nach uns klingen
Wir sprechen im Alltag schließlich auch nicht ständig in fertigen Formulierungen.
Wir sagen:
„Das war typisch für ihn.“
„Das hätte sie niemals gemacht.“
„Er konnte über sich selbst lachen.“
„Sie war immer für alle da.“
„Die beiden haben sich ständig gestritten und fünf Minuten später wieder zusammen gelacht.“
Das sind keine schlechten Sätze. Im Gegenteil.
Das sind die Sätze, aus denen echte Geschichten entstehen.
Meine Aufgabe als Rednerin ist es nicht, diese Sprache wegzupolieren, bis sie möglichst feierlich klingt. Meine Aufgabe ist es, sie so zu gestalten, dass daraus eine Rede entsteht, die trägt, ohne dass die Menschen darin sich selbst verlieren.
Denn am Ende möchte ich nicht, dass jemand denkt: „Was für eine schöne Rednerin.“
Ich möchte, dass er denkt: „Was für eine schöne Geschichte.“
Und vor allem: „Was für ein Mensch.“
Hörproben gibt es hier: [Abschiede→]


